Die Klassische Homöopathie

Innerhalb der Heilkunde nimmt die Homöopathie eine Sonderstellung ein. Sie geht von anderen Voraussetzungen aus als andere Heilmethoden.

Während in der Schulmedizin nach den Ursachen einer Krankheit gesucht wird, geht man in der Homöopathie von der Frage aus: " Was ermöglicht es dem Organismus, trotz der äusseren krankmachenden Einflüsse (Ursachen wie Viren, Bakterien) gesund zu bleiben." Diese Frage führt zum Konzept der Heil- und Abwehrkräfte oder, wie es in der alten Literatur beschrieben ist, der "Lebensenergie". Sie ist das übergeordnete Lebens- und Steuerprinzip im lebenden Organismus.

Die Symptome, die der kranke Mensch erlebt, betrachtet man in der Homöopathie bereits als Folge einer Störung in diesem übergeordneten "Steuerungssystem", nie aber als Krankheit an sich.


Konsequenzen für die Therapie

Wenn man wirklich heilen will, so muss die Krankheit an ihrem ursächlichen Ausgangspunkt behandelt werden. Dieser Ausgangspunkt ist die Störung im Bereich der Lebenskraft. Behandelt man nur die Auswirkungen, das heisst die Symptome einer Krankheit, so ist dies eine "Sisyphusarbeit". Die ursächliche Fehlsteuerung ist nicht behoben und die Symptome kehren nach Abbruch der Behandlung immer wieder zurück.

Mit homöopathischen Präparaten wirkt man nicht primär auf das erkrankte Organ ein, sondern auf die Lebenskraft, die es steuert. Die so angeregten oder unterstützten Heilkräfte des Organismus heilen in der Folge den Kranken und seine Organe, soweit dies möglich ist. Man darf annehmen, dass praktisch alle behandelbaren Krankheiten homöopathisch angegangen und geheilt oder wenigstens gelindert werden können.


Grenzen der Homöopathie

Grenzen werden der Homöopathie gesetzt, wenn

  • Mangelzustände durch fehlende Substanzen in der Nahrung oder Störungen in der Verwertung durch den Organismus bedingt sind.
  • ein Zustand nicht mehr rückgängig gemacht werden kann, wie z.B. bei fortgeschrittenen Gewebszerstörungen. Hier kann der Homöopath bestenfalls Schmerzen und Beschwerden lindern oder die Progredienz verlangsamen bzw. stoppen. Wirkliche Heilung ist nicht mehr möglich.
  • das homöopathische Mittel nicht gefunden werden kann, weil der Patient zu wenig individuelle, homöopathisch verwertbare Symptome zeigt.
  • der Homöopath das richtige Mittel nicht erkennt.
  • schwerwiegende äussere Umstände einer Heilung entgegenstehen.
    (z.B. extreme familiäre oder soziale Situation).

Wirkungsweise

Aus der Physik wissen wir, dass ab einer Potenz C12 bzw. D23 (eine Verdünnung und Verschüttelung der Homöopathischen Arznei) kein Molekül (kleinster Baustein einer Substanz) der Ursubstanz in 1 ml der Verdünnung mehr vorhanden sein muss.

Von dieser Potenz an aufwärts wird es also sehr unwahrscheinlich, dass der Patient überhaupt noch ein Molekül der Arznei einnimmt. Trotzdem hat man mit Hochpotenzen wie z.B. C200 oder C1000 oft erstaunliche Erfolge.

Wie ist das zu erklären ?

Basierend auf verschiedenen Ansätzen, wie Quantenphysik, Biologie, Elektromagnetik, Informatik und seit neuestem auch der Chaos-Theorie, wurden verschiedene Erklärungsmodelle entwickelt. Der Beweis für eines der Modelle steht aber noch aus. Diese Tatsache wird oft angeführt, um die Homöopathie als unwissenschaftlich abzutun. Die exakte Wirkungsweise der Vollnarkose z.B. ist aber bis heute ebenfalls nicht vollständig geklärt und trotzdem wird sie täglich angewendet und wirkt. Ebensowenig ist die Wirkungsweise des Aspirins nicht eindeutig geklärt, obwohl sein Grundstoff seit dem Altertum als Heilmittel verwendet wird.

Diese beobachtbare Tatsache zeigt, dass die Wirksamkeit einer Methode nicht davon abhängt, ob wir deren Wirkungsweise erklären können oder nicht. Schliesslich fiel der Apfel auch schon vom Baum, bevor Newton das Gravitationsgesetz fand.

Der Deutsche Biologe Frederic Vester, der sich eingehend mit der Kybernetik biologischer Systeme beschäftigt, beschreibt dies so: "Immer mehr beginnt man zu erkennen, wie enorm die im Körper selbst verborgenen Heilungsmöglichkeiten und -kräfte sind und wie unökonomisch es wäre, diese nicht einzusetzen oder sie gar, wie bisher so oft der Fall, zu blockieren. Das gilt auch für die Homöopathie, insbesondere die "echte", die erst bei höheren Verdünnungen beginnt (z.B. D30, wo garantiert kein einziges der ursprünglich eingesetzten Moleküle mehr vorhanden ist). Denn es ist keineswegs physikalisch ausgeschlossen, dass dem Verdünnungsmedium von der Ausgangssubstanz ein biologisch wirksames strukturelles Muster übertragen wird, das durch die weiteren 1:10 Verdünnungen stabilisiert wird - auch wenn die Initiator-Substanz Iängst wieder verschwunden ist." (1)

Die Homöopathie unterstützt, wie bereits erwähnt, die Eigenheilkräfte des Körpers in ihrer Tendenz. Demgegenüber greift die Allopathie (2) (allo = andersartig) selber steuernd in den Organismus ein und blockiert oder regt einzelne Funktionen an. Da diese nicht die Ganzheit, das "Steuerprogramm", beeinflusst oder berücksichtigt, also nicht kybernetisch ist, schiesst der Eingriff oft über sein Ziel hinaus oder verschiebt die Krankheiten.

Zum besseren Verständnis der Wirkung füge ich noch ein Beispiel an: Nehmen wir zwei identische Tonbandkassetten. Die eine ist mit klassischer Musik, die andere mit einem Kriminalhörspiel bespielt. Beide Kassetten sind äusserlich nicht unterscheidbar. Auch der Chemiker wird bei seiner Analyse keinen Unterschied feststellen. Spielen wir jedoch die Kassetten mit einem auf sie abgestimmten Gerät ab, so können wir ihnen ihren verschie-denen Informationsgehalt entlocken. Die Information der beiden Kassetten wirkt sich sehr unterschiedlich auf unseren Körper aus: wahrend das Kriminalhörspiel uns in Spannung versetzt, wird uns die Musik entspannen und unsere Seele erfreuen. Auf ähnliche Weise sind die homöopathischen Mittel mit Heilinformationen "imprägniert".


Vorteile der Homöopathie

Die Homöopathie weist folgende Vorteile auf:

  • Geringe Kosten der Heilmittel.
  • Die Therapie zeigt keine Nebenwirkungen im schulmedizinischen Sinn. Der Körper wird nicht mit toxischen Dosen pharmazeutischer Substanzen belastet.
  • Möglichkeit der Behandlung auch da, wo eine exakte Diagnose nicht gemacht werden kann. (Zwar ist die klinische Diagnose wichtig, um den Patienten in seiner Krankheit zu führen, eine Prognose des Krankheitsverlaufs zu machen und evtl. notwendige Schritte einzuleiten; das richtige Mittel zur Behandlung kann aber allein anhand der homöopathischen Repertorisation gefunden werden.

"Nebenwirkungen' können auftreten,

  • wenn zu viele Mittel gemischt werden. Der Organismus wird dadurch verwirrt und die Selbstheilung ist evtl. nicht mehr möglich.
  • wenn zu oft und zu viele Hochpotenzen verabreicht werden. Der Organismus wird dadurch "verstimmt".
  • wenn ein Mittel gewählt wird, das sehr nahe beim richtigen Mittel liegt und dadurch einige Symptome verschwinden oder verändert werden, andere aber nicht, d.h. dass sich das Erscheinungsbild der Krankheit dadurch verändert.

Arzneimittelprüfung

Um die Informationen einer Arznei zu erfahren, wird das entsprechende Mittel an gesunden Menschen geprüft. Einer möglichst grossen Anzahl Personen beiderlei Geschlechts wird die zu prüfende Arznei in geeigneter Potenz verabreicht. Die Prüfer führen über alle Befindungsänderungen ein genaues Protokoll. Die Gesamtheit aller niedergeschriebenen Symptome ergibt das Arzneimittelbild oder die Indikation des Mittels.

Damit wir verstehen, wie Hahnemann auf diese Art des Behandelns kam, müssen wir uns ein wenig mit der Geschichte beschäftigen. >> Geschichte.


Geschichte

Samuel Hahnemann war "Schulmediziner" seiner Zeit. Damals wurde die Chinarinde als Heilmittel gegen Malaria u.ä. Krankheiten eingesetzt. Die Erklärung, die man für die Wirkung des Chinins hatte, war für ihn nicht glaubwürdig. Deshalb erprobte er die Wirkung der Chinarinde an sich selbst, indem er täglich davon einnahm. Bald darauf wurde er krank, mit Symptomen, wie sie Wechselfieber- und Malariakranke zeigen. Als er mit der Einnahme aufhörte, verschwanden auch die Symptome. Bei erneuter Einnahme wurde er wieder krank usw. Er prüfte die Wirkung an Studenten und Familienangehörigen und fand sie bestätigt.

So kam er auf die Idee, dass ein Mittel nur helfen konnte, wenn der Patient dieselben Symptome zeigte, die das Mittel beim Gesunden hervorbrachte. Diese Theorie fand er in Experimenten bestätigt.

Aufgrund dieser Beobachtung fand er das Grundgesetz der Homöopathie, welches er 1796 formulierte:

"Similia similibus curentur"

(Aehnliches wird durch Aehnliches geheilt)

Bereits grosse Aerzte wie Hippokrates und Paracelsus waren der Ansicht, dass das, was den Menschen krank macht, ihn auch heilen kann. Diese Ansicht entdeckte Hahnemann aufgrund seiner Experimente neu und fand sie bestätigt.

Bald bemerkte er, dass die Anwendung der Arznei in der, von alters her gebräuchlichen, wägbaren Form nicht optimal war. Dies, weil die Substanzen dem Körper z.T. nicht zugänglich waren oder Nebenwirkungen zeigten. Aus diesen Beobachtungen heraus begann er mit verdünnten und verschüttelten Arzneien zu arbeiten und nannte seine Art des Verdünnens wegen der erhöhten Wirksamkeit Potenzieren oder Dynamisieren.

In seinem Standwerk "Organon der Heilkunst" schreibt er: "Homöopathische Dynamisationen sind wahre Erweckungen der in natürlichen Körpern wahrend ihres rohen Zustandes verborgen gelegenen arzneilichen Eigenschaften."

Nach mehreren Jahren Erfahrung formulierte er sein Heilgesetzt: "Wähle, um sanft, schnell, gewiss und dauerhaft zu heilen, in jedem Krankheitsfall eine Arznei, welche ein ähnliches Leiden (homoion pathos) für sich erregen kann, als sie heilen soll."

Dieser Satz gibt unter den Homöopathen auch Anlass zu Auseinandersetzungen über die >> Komplexmittel.


Komplexmittel

Dies sind homöopathische Arzneimittel, die aus verschiedenen Einzelmitteln in verschiedenen Potenzen bestehen. Einige Therapeuten wollen damit den mühseligen Weg, das richtige Mittel zu finden, abkürzen. Dieses Vorgehen ist menschlich. Komplexmittel wirken in der Praxis aber selten überzeugend oder höchstens bei leichteren Beschwerden. Bei ernsteren Erkrankungen versagen sie meistens. Daneben gibt es noch die >> Potenzakkorde.


Potenzakkorde

Bei diesen enthält ein Präparat verschiedene Potenzen derselben Arznei
(z.B. Belladonna D6, D12 und D30).


Mischmittel

zählen nicht mehr zu den homöopathischen Arzneien, weil in ihnen pflanzliche Präparate mit homöopathischen Potenzen gemischt sind. Viele anthroposophische Heilmittel fallen darunter.


Fallaufnahme und Repertorisation

Um das richtige Mittel (Simillimum) zu finden, muss der Arzt oder Naturheilpraktiker eine umfangreiche und gründliche Fallaufnahme machen. Diese Arbeit kann je nach Fall eine bis mehrere Stunden in Anspruch nehmen. Sie ist aber für die richtige Mittel- und Potenzwahl entscheidend. Der Arzt oder Naturheilpraktiker muss dazu alle Symptome der Krankheit und Eigenschaften des Patienten sammeln.

Das können z.B. sein:

  • wird das Leiden bei Kälte besser ?
  • sind die Beschwerden nur links im Körper ?
  • sind die Beschwerden abends stärker ? * welches Klima bevorzugt der Patient ?
  • ist der Patient jähzornig ?
  • auf welcher Seite schläft der Patient ?
  • isst der Patient gerne Gebratenes ?
  • usw.

Bei chronischen Krankheiten benötigt der Arzt bzw. Naturheilpraktiker zudem alle im Leben aufgetretenen Leiden, Krankheiten, Operationen und Unfälle, evtl. sogar die seiner Vorfahren.

Aufgrund der umfangreichen Angaben des Patienten, wählt der Homöopath nun das Mittel aus, das den angegebenen Symptomen entspricht. Die Entsprechungen der Mittel sind in Standardwerken beschrieben und werden laufend erweitert und ergänzt. Der klassische Homöopath wird seinem Patienten jeweils nur ein Mittel in einer Potenz verabreichen.
Diese ist besonders bei schweren Krankheiten wichtig. Zeigt der Organismus auf die Mittelgabe keine Reaktion, so ist das Mittel oder die Potenz falsch gewesen und der Homöopath muss ein neues wählen. Wir können diese Mittel- und Potenzwahl mit einem Sender und Empfänger vergleichen, die aufeinander abgestimmt sein müssen.


Verlauf des Heilunpsprozesses

Constantin Hering, ein Schüler Hahnemanns, hat für den Heilungsprozess die "Heringsche-Regel" formuliert. Sie gilt für Heilung grundsätzlich, also nicht nur für die Homöopathie.

Eine Heilung muss immer wie folgt verlaufen:

  • von oben nach unten oder
  • von innen nach aussen oder
  • von wichtigen zu weniger wichtigen Organen
  • in umgekehrter Reihenfolge ihres Entstehens.

Deshalb können wahrend einer Therapie Beschwerden alter Leiden erneut aufflackern. Zeigt sich unter einer Behandlung eine Symptomverschiebung in umgekehrter Richtung, kann dies ernsthafte Konsequenzen haben, indem eine Krankheit durch eine schlimmere ersetzt wird.

Oft fragt der Patient, wie rasch der Heilungsprozess verläuft. Eine allgemeingültige Regel kann hierfür nicht aufgestellt werden. Die Heilung kann sofort eintreten, sie kann aber auch Iängere Zeit in Anspruch nehmen. Die Geschwindigkeit der Heilung richtet sich grundsätzlich nach dem Prozess der Krankheit, d.h. eine schnell auftretende und sich entwickelnde Krankheit heilt auch schneller.

Die Homöopathie ist sowohl für den Arzt oder den Naturheilpraktiker, wie auch für den Patienten eine der schönsten Heilmethoden überhaupt, weil

  • sie den Patienten als einmaligen Menschen ernst nehmen muss
  • ihre Arzneimittel ungiftig sind
  • sie universell anwendbar ist